Egal, was sie tun, ihren Karrieren hilft’s nicht. Treten Frauen ehrgeizig auf, gelten sie als zickig. Zeigen sie sich verbindlich, werden sie als schwach wahrgenommen. Catch 22 nennen die Amerikaner derlei ausweglose Situationen. Und sie scheinen das weibliche Karriere-Dilemma schlechthin darzustellen.
Diesen Eindruck legt eine Studie nahe, die die US-amerikanische Organisation Catalyst jüngst veröffentlichte, Titel: „The Myth of the Ideal Worker“ (Der Mythos vom idealen Arbeitnehmer).
Darin untersuchen die beiden Autorinnen die Lebensläufe von mehr als 3300 High Potentials aus den Abschlussjahrgängen 1996 bis 2007. Sie wurden im Rahmen einer groß angelegten Vergleichsstudie mit insgesamt mehr als 9000 Teilnehmern im Jahr 2008 persönlich interviewt.
Bei den 3300 High Potentials handelte sich um Männer und Frauen, die alle nach einem MBA-Abschluss eine klassische Karriere hingelegt hatten – keine Kinder, keine andere Unterbrechung, weder Teilzeit-Perioden noch Phasen als Solo-Selbständige. Wahrlich perfekt – zumindest aus Sicht eines Personalverantwortlichen. Denn es handelt sich um ausgesprochen fokussierte Menschen, die sich durch nichts von ihrem Beruf ablenken lassen.
Welche Karriere-Strategie ist die richtige?
Die Catalyst-Forscher wollten wissen, welche Strategien Frauen beim Aufstieg helfen und zu mehr Gehalt führen. Ein Blick auf die Karriereliteratur zeigt, dass es an Vorschlägen nicht mangelt: selbstbewusst auftreten, energisch verhandeln, nur nicht so bescheiden sein, konsequent netzwerken, um nur einige zu nennen. Welches also sind die richtigen Rezepte?
Egal wie, Frauen hinken hinterher
Die Antwort ist niederschmetternd. „Proaktiv zu sein zahlt sich für Frauen nicht aus“, schreiben die beiden Autorinnen Nancy M. Carter und Christine Silva. Egal, welche Strategien Frauen anwenden, sie hinken den Männern immer hinterher. Schwacher Trost: Proaktiv zu sein ist besser als gar nichts zu tun, so Carter und Silva.
Vier verschiedene Karriere-Typen
Die beiden Wissenschaftlerinnen haben für ihre Zwecke vier verschiedene Typen identifiziert, die sich jeweils durch ein Bündel bestimmter Karrierestrategien auszeichnen. Diese Typen haben sie miteinander verglichen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Typen erfolgreich sind.
Ein Drittel der Männer und Frauen sind Climber (Kletterer). Sie konzentrieren sich auf den Aufstieg innerhalb des Unternehmens, in dem sie arbeiten. Dabei bemühen sie sich aktiv um Projekte, suchen Kontakt zu den wichtigen Personen und sorgen dafür, dass die richtigen Leute zur richtigen Zeit von ihren Erfolgen erfahren.
Ein Viertel sind Hedger (Absicherer). Sie gehen karrieretechnisch auf Nummer sicher. Das heißt, dass sie intern wie die Climber am Aufstieg arbeiten, aber gleichzeitig externe Karrieremöglichkeiten im Blick behalten. Wenn’s passt, wechseln sie die Stelle oder sogar den Arbeitgeber.
Ein weiteres Viertel zählt zu den Scannern (Prüfer), eine vergleichsweise mobile Gruppe. Sie wechseln häufig Stellen und prüfen in Abständen, welche weiteren Karrieremöglichkeiten sich ihnen eröffnen.
Schließlich gibt es noch die Coaster (Trudler). Dazu gehören 19 Prozent der Männer, und 14 Prozent der Frauen. Sie sind relativ inaktiv, lassen sich eher treiben und nutzen keine expliziten Strategien.
Männliche Hedger am erfolgreichsten
Von allen vier Männertypen kamen die männlichen Hedger am besten und schnellsten voran. Weibliche Hedger hingegen waren nicht erfolgreicher als weibliche Climber, Coaster oder Scanner. Und keineswegs erfolgreicher als männliche Hedger. Dies ist, so betonen die Autorinnen, unabhängig von der Größe des Unternehmens.
Das Gehalt der Männer wächst kontinuierlich bei allen vier Typen. Doch selbst bei gleichen Karrierestrategien wächst das Gehalt der Frauen bei allen Typen langsamer. Betrug der Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern im ersten Job noch 4600 Dollar pro Jahr, so war er zehn Jahr später auf durchschnittlich mehr als 31000 Dollar geklettert.
Wenig überraschend also, dass die meisten Frauen unzufrieden sind – mit dem Fortschritt der Karriere ebenso wie mit der Entwicklung ihres Einkommens.
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was dies für Job-Wahl bedeuten kann.
Nach Ansicht von Tabi Haller-Jorden, General Manager von Catalyst Europe, lassen sich diese Ergebnisse auch auf Deutschland übertragen. „Die Vorstellung vom idealen Arbeitnehmer scheint unabhängig von kulturellen Unterschieden weltweit genderbasiert zu sein“, so ihr Fazit.
Männer werden für ihr Potenzial belohnt
Im Kern, so vermutet sie, beruhen die Vorstellungen auf tief sitzenden Vorurteilen über die Geschlechter. Und das führe bei der Bezahlung beispielsweise dazu, dass Männer für ihr Potenzial gewürdigt, während Frauen bestenfalls für bereits erbrachte Leistungen belohnt werden.
Was aber bedeuten diese Erkenntnisse für Frauen? Augen auf bei der Wahl des Arbeitsgebers! So der Rat von Haller-Jorden. Männerdominierte Betriebe seien vermutlich kein guter Ausgangspunkt für eine Karriere, aber Unternehmen, die Frauen mit Respekt begegnen und sie explizit fördern, eignen sich eher, so die Catalyst-Managerin.
Dies zeige sich beispielsweise daran, wie viele Frauen dort bereits in den Führungspositionen seien. „Talent zieht Talent an“, so Haller-Jorden, „und da, wo Frauen das Sagen haben, entsteht eine andere Unternehmenskultur mit positiven Rückkopplungseffekten für Frauen.“
Foto: fotolia (1)
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